Buchtipps / 2018 / Dezember

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

Claudia Dzengel: Kalligrafie ist ein Kinderspiel

Antike Schriften & modernes Handlettering für Kleine und Große / Claudia Dzengel. - Wien : G & G, 2018. - 43 S. : überw. Ill.
ISBN 978-3-7074-5214-3      fest geb. : ca. € 22,95

Holt Plakat- und Rohrfeder, Balsaholz, Papier und Tinte aus den Laden, Claudia Dzengel zeigt uns in ihrem zweiten Buch neue Anwendungsmöglichkeiten ihrer altbekannten Leidenschaft: der Kalligrafie. Nachdem sich ihr erster Titel ausschließlich an ein junges Lesealter richtete, wendet sich dieser Band an "Kleine und Große" und stellt in acht Lektionen historische Schriften der Ägypter_innen und Römer_innen sowie das Thema Handlettering vor. Prägnant erläutert Dzengel in jedem Kapitel zunächst die Geschichte der Schrift, widmet sich danach der kalligrafischen Umsetzung und ermuntert zur kreativen Auseinandersetzung. Anschaulich erklärt, mit Tipps für das richtige Werkzeug, die richtige Schreibweise und kreativen Übungen, sollte die Kalligrafie von Hieroglyphen, hieratischen Zeichen, Lapidar-Antiqua oder römischen Majuskeln nach dieser Lektüre kein Problem mehr sein. Auch die grafische Umsetzung des Buches ist sehr gut gelungen. In den Farben Schwarz, Weiß, Blau und Orange gehalten, wurden die Hintergründe und Rahmen mit Kalligrafie-Ornamenten und Muster verziert, zwischen den Lektionen finden Illustrationen ihres 14-jährigen Sohnes Enno, in denen Kalligraphie und Illustration verbunden wurden, Platz. Die titulierte Aussage, Kalligrafie sei kein Kinderspiel, richtet sich übrigens an die meisten Erwachsenen, so Dzengel. Denn während Kinder meist mit einer natürlichen Leichtigkeit an die Sache herangehen, verfolgen "die Großen" einen einschränkenden Perfektionismus. Wie schön, dass dieses Buch daher zu einem gemeinsamen Schreiben und Gestalten einlädt.

Ute Beiglböck | STUBE

 

 

Karuna Riazi: Paheli

: Spiel um alles oder nichts / Karuna Riazi. Aus dem Engl. von Cornelia Panzacchi. - Stuttgart : Thienemann, 2018. - 288 S.
ISBN 978-3-522-18491-5      fest geb. : ca. € 15,50

Wer sich bei Karuna Riazis Weltenentwurf an Joe Johnstons Fantasy-Abenteuerfilm "Jumanji" erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. Eine abgeklatschte Kopie ist der phantastische Roman der in New York aufgewachsenen Kinder- und Jugendbuchautorin aber keinesfalls. Farah, die muslimische Protagonistin des Buches, feiert gerade in New York ihren 12. Geburtstag, als ihre Tante anreist. Mit im Gepäck ein pulsierendes, vibrierendes Brettspiel, das die Kindertruppe kurzerhand in seine Welt verschluckt. Diese erinnert Farah an ihre bengalische Heimat und ruft anstatt Verfremdung und Staunen über das Exotische ein Gefühl der Zugehörigkeit aus. Mehr als nur oberflächliches orientalisches Flair vermittelt das Setting der Spielwelt in "Paheli" (was in Hindi so viel wie "Rätsel" bedeutet), wenn sich Farah und ihre Freund_innen zwischen kuppelförmigen Bauten, hochragenden Türmen und bunten Bazaren durch die an Dhaka oder Kalkutta erinnernde Stadt schlagen und dabei traditionelle bengalische Spiele gewinnen und bengalische Süßigkeiten verkosten müssen, um wieder in ihre Welt zurückzukehren. Denn der "Architekt" und autokratische Herrscher von Paheli lockt mithilfe des Brettspiels Kinder in seine Welt, um sie dort festzuhalten. Bis jetzt ist es noch niemandem gelungen, alle der drei von ihm gestellten Aufgaben zu lösen. Die Stadt Paheli zeigt sich dabei als ständig morphendes, sich dem Willen des Architekten beugendes urbanes Labyrinth, das seine Straßen und Gebäude immer neu anordnet und den erzählten Raum selbst zum Antagonisten der Kinder werden lässt. Ein überaus spannender Abenteuerroman, der sich geschickt gängigen kulturellen Klischees entzieht!

Claudia Sackl | STUBE

 

Taliman Sluga: Europäisches Weihnachtskochbuch

: Rezepte - Bräuche - Spezialitäten / Taliman Sluga. - Salzburg : Anton Pustet, 2018. - 223 S. : zahlr. Ill. (farb.)
ISBN 978-3-7025-0906-4      fest geb. : ca. € 29,00

Sammlung von europäischen Weihnachtsbräuchen als Ergebnis eines Projekts, das mit SchülerInnen der 6. Schulstufe in den Gemeinden Kleinarl und Wagrain durchgeführt wurde. (VL)

Die Zeile "Jesus die Völker der Welt" aus dem Lied "Stille Nacht" war der Ausgangspunkt für den "Advent der Kulturen" in Wagrain. Am Weihnachtsmarkt wurden internationaler Schmuck und kulinarische Köstlichkeiten angeboten und Musikgruppen und Chöre aus diesen Regionen gestalteten Adventkonzerte. Auch die Schulen waren in dieses Projekt eingebunden.
Über 10 Jahre wurden jährlich jeweils drei Weihnachtsmenüs aus verschiedenen Ländern im Unterricht "Ernährung und Haushalt" nachgekocht. Dazu gab es Hintergrundinformation über diverse Bräuche und Weihnachtsmusik in den entsprechenden Ländern. Projektleiter war der Kochbuchautor und Kulturvermittler Taliman Sluga (der nun die Ergebnisse dieser 10 Jahre dauernden Projektarbeit als Buch herausgebracht hat).
Selten kann man ein Schulprojekt als so gelungen bezeichnen wie das im vorliegenden Buch gezeigte! Die Liste der Länder reicht von A wie Albanien bis Z wie Zypern. Jedem Kapitel vorangestellt ist der Wunsch "Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr" in der Sprache des präsentierten Landes sowie der erste Zeile des Liedes "Stille Nacht". Dann folgt eine Auswahl von Weihnachtsbräuchen und ein weihnachtliches 3-Gänge-Menü, das ohne großen Aufwand hergestellt werden kann. Bilder von Speisen oder andere Fotos ergänzen den Text. Dieses Buch ist eine große Bereicherung für jede österreichische Bücherei. Es spiegelt die österreichische Tradition von Offenheit gegenüber andern Kulturen wider, ehrt und respektiert die Besonderheiten anderer Länder und bringt sie liebevoll in Verbindung mit der Jahreszeit, die bei uns einen hohen Stellenwert hat!

Doris Göldner | biblio

 

Stephan Wahle: Die stillste Nacht

: das Fest der Geburt Jesu von den Anfängen bis heute / Stephan Wahle. - Freiburg i. Br. : Herder, 2018. - 223 S. : Ill. (farb.)
ISBN 978-3-451-38804-0      fest geb. : ca. € 25,80

Kompetente Erläuterungen zum Weihnachtsfest aus theologischer Perspektive. (PR)

Weihnachten ist heute ein Familienfest, das die religiöse Dimension zunehmend ausblendet - meint man zumindest. Der vorliegende Band (eine überarbeitete Neuauflage einer bereits vergriffenen Edition von 2015) behandelt das "Fest der Feste" ausdrücklich aus theologischer Perspektive. Der Liturgiewissenschaftler Stephan Wahle legt nun eine Art Kompendium vor, welches in sechs Kapiteln das "Phänomen" Weihnachten umfassend beschreibt. Die behandelten Themen sind breit aufgestellt: die biblischen Kindheitsgeschichten, die Ursprünge des Doppelfestes Weihnachten/Epiphanie, die Liturgie und Theologie des Weihnachtsfestkreises, die deutsche Weihnachtskultur (Krippe, Christbaum, Weihnachtsmarkt), das bürgerliche Heiligabendritual und die heutige Feier in Glaube, Kultur und Gesellschaft. Zusätzlich ist positiv zu erwähnen, dass der Autor gute Impulse für alternative Gestaltungsmöglichkeiten des Weihnachtsgottesdienstes (Christvesper, Weihnachtslob, A Festival of Nine Lessons and Carols) gibt. Die Ausführungen folgen einem übersichtlichem Aufbau, sind kompetent gearbeitet, kompakt sowie gut verständlich formuliert und zudem mit einem hilfreichen Glossar versehen. Empfehlenswert!

Karl Krendl | biblio

 

Monika Sabolo: Summer

: Roman / Monica Sabolo. Aus dem Franz. von Christian Kolb. - Berlin : Insel-Verl., 2018. - 253 S.
ISBN 978-3-458-17765-4      fest geb. : ca. € 22,70

Düsteres Familiendrama über dunkle Geheimnisse hinter verschlossenen Türen. (DR)

Die französische Journalistin und (Drehbuch-)Autorin Monica Sabolo, Trägerin des legendären Literaturpreises Prix de Flore, blickt in ihrem neuen, dritten Roman hinter die schillernde Fassade einer Genfer Familie in den 1980er Jahren.
"Ich habe die Hölle gesehen, überlebt und bin ins Leben zurückgekehrt". In klarem, eindringlichen Ton lässt Sabolo ihren alkohol- und medikamentenabhängigen Ich-Erzähler Benjamin über das mysteriöse Verschwinden seiner angebeteten Schwester Summer vor mehr als 24 Jahren berichten. Damals hat sich die 19-jährige Schönheit während eines Picknicks am See in Luft aufgelöst - keine Leiche, kein Lebenszeichen. Erst als Erwachsener wagt der von Alpträumen, nervösen Ticks und Panikattacken geplagte Benjamin in Gesprächen mit einem Psychiater seine Erinnerungen wachzurufen und die Wahrheit zu ergründen. Mit atmosphärisch dichten, symbolträchtigen Bildern erzählt die Autorin eine von Sprachlosigkeit und Ohnmacht geprägte Familientragödie, in der raffiniert eingesetzte Thrillermotive für Spannung sorgen. Die beklemmende, unter die Haut gehende Grundstimmung des Textes bleibt in Christian Kolbes gelungener Übersetzung aus dem Französischen deutlich spürbar.

Die psychologisch interessanten, beschädigten Charaktere und das gekonnte Spiel mit dem Unausgesprochenen zwischen den Zeilen sorgen für Tiefgang in diesem Roman, der die LeserInnen zur Auseinandersetzung mit einem oft verdrängten Tabuthema auffordert und viel Gesprächsstoff liefert. Empfehlenswert!

Elisabeth Zehetmayer | biblio

 

Maxim Biller: Sechs Koffer

Roman / Maxim Biller. - Köln : Kiepenheuer & Witsch, 2018. - 197 S.
ISBN 978-3-462-05086-8      fest geb. : ca. € 19,60

Nachforschungen über ein Familiengeheimnis aus der Zeit der Sowjetunion. (DR)

Am Anfang ist der Erzähler 5 Jahre alt, am Ende 56. Dazwischen liegen Lebensgeschichten von Mitgliedern seiner in den Westen fliehenden russisch-jüdischen Familie. Und die Frage, die den Erzähler und auch seine Familie lebenslang beschäftigt: Wer war schuld am Tod des Großvaters? Dieser wurde 1960 in Moskau als Devisenschmuggler hingerichtet. Es steht die Möglichkeit im Raum, dass einer seiner vier Söhne oder eine Schwiegertochter daran nicht unschuldig war. Die Familienmitglieder kommen via Prag nach und nach auf verschiedenen Wegen in den Westen: nach Deutschland, Brasilien, in die Schweiz. In jeweils eigenen, nicht chronologischen Kapiteln sondiert der Erzähler die Möglichkeiten für den Verrat, stellt die familiären Bruchlinien dar, aber zugleich auch das politische System des Ostblocks mit seinen Auswirkungen bis ins Privat- und Intimleben. Nicht zufällig stellt Biller dem Buch als Motto einen Satz aus Brechts "Flüchtlingsgesprächen" voran: "Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen." Flucht- und Verlustgeschichten prägen die Menschen, lassen sie misstrauisch und desillusioniert werden. Was sie verbindet, ist dieses Familiengeheimnis, eine Art "Black Box" für Verdächtigungen, Vertuschungen und Verbiegungen. Der Erzähler geht aber mit den Beteiligten nicht ins Gericht, er moralisiert nicht, sondern nähert sich ihnen mit Empathie und Respekt. Das macht den wundervoll erzählten Roman zusätzlich lesenswert. Sehr gerne empfohlen.

Fritz Popp | biblio

 

Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

/ Yuval Noah Harari. Aus dem Engl. von Andreas Wirthensohn. - München : C.H. Beck , 2018. - 459 S.
ISBN 978-3-406-72778-8      fest geb. : ca. € 25,70

Woher rührt die Verunsicherung des 21. Jahrhunderts und wie bewältige ich sie? (GS)

In einer Zeit, in der die Welt in Fake News zu versinken scheint, technischer Fortschritt ungeahnte Geschwindigkeit aufnimmt und Politik zunehmend ratlos gegenüber humanitären Herausforderungen steht, nimmt uns Harari mit seinem dritten Werk an die Hand, damit wir diese Entwicklungen besser verstehen. In "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" stellt er sich der Aufgabe, den Menschen Orientierung in einer Welt, die uns zusehends vor Orientierungslosigkeit stellt, zu geben. Die LeserInnen werden mittels dieses Leitfadens und der umfangreichen Informationen, die durch das Buch gegeben werden, befähigt, an der Diskussion über die unmittelbare Zukunft des Menschen teilzunehmen. Entgegen herkömmlicher Ratgeber gibt Harari keine einfachen Antworten, sondern schafft es, durch fundierte Wissensgrundlagen aktuelle Entwicklungen zu hinterfragen und gegenwärtige Herausforderungen weiterzudenken. Das Buch setzt kein Expertenwissen voraus und schafft es dennoch, komplexe Zusammenhänge anschaulich zu illustrieren. Die Lektüre dieses Werkes ist ein Muss für alle WeltbürgerInnen, die die globalen Entwicklungen um sich herum nicht aus den Augen verlieren wollen. Ein echter Gewinn durch seine Aktualität!

Anna Goiginger | biblio

 

August John: Arlo Finch

: im Tal des Feuers / John August. Aus dem amerikan. Engl. von Wieland Freund und Andrea Wandel. Mit Ill. von Helge Vogt. - Würzburg : Arena, 2018. - 305 S. : Ill.
ISBN 978-3-401-60415-2      fest geb. : ca. € 16,50

Er hörte keinen Hufschlag mehr. Das Ungeheuer stand direkt vor der Tür. Arlo hörte es atmen. Und es schien zu wissen, das Arlo hier drinnen war... (ab 10) (JE)

Arlo Finch zieht mit seiner Mutter und seiner großen Schwester in ein Bergdorf, in dem der Bruder seiner Mutter, Onkel Wade, lebt. Dieser stopft tote Tiere aus, die dann als Geister wieder lebendig werden. Zum Beispiel der Geisterhund Cooper, er war einst ein Haustier von Wade. Doch was hat es mit dem geheimnisvollen Mädchen, das sich immer im Wald herumtreibt, auf sich? Und woher kommt das Pferd mit den eingedrehten Hörnern, den glühend roten Augen und spitzen Zähnen?
In seiner neuen Schule findet Arlo gute Freunde, Indra und Wu und einen tollen Ranger-Club. Im Laufe der Geschichte erfährt er noch etwas Gruseliges: Eine alte Frau will ihn umbringen. Welches Geheimnis verbirgt sich in den Wäldern von Pine Mountain, was hat es mit der geheimnisvollen Klara auf sich und ist Arlo wirklich in Gefahr? Der erste Band von Arlo Finch ist John August wirklich gelungen, damit schuf er eine geheimnisvolle und spannende Geschichte.

Der Autor schreibt durchgehend in einem fantasievollen Stil und mit Hilfe der zahlreichen fantasievollen Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Helge Vogt konnte ich mir die Geschichte wunderbar im Kopf vorstellen. Auf dem Buchcover sind die Hauptpersonen sehr gut dargestellt. Arlo Finch ist ein freundlicher Junge und ich habe sehr mit ihm mitgefiebert. Auch Werte wie Freundschaft, Teamwork und Zusammenhalt werden in diesem Fantasyroman vermittelt. Das Buch ist für alle Jungs und Mädchen ab 10 Jahren geeignet, die ein Abenteuer mit Arlo Finch erleben möchten. Im Herbst 2019 werde ich sofort den zweiten Band lesen, ich bin schon sehr gespannt, wie es mit Arlo weitergeht.

Katrin Aher | biblio

 

erstellt von der STUBE und dem Österreichischen Bibliothekswerk

Nina Blazon: Siebengeschichten

Sieben-Geschichten / Nina Blazon. Mit Bildern von Isabel Kreitz. - Hamburg : Aladin, 2018. - 219 S. : Ill.
ISBN 978-3-8489-2113-3      fest geb. : ca. 14,40

Nichts für schwache Nerven, aber ein Genuss für alle Grusel-LiebhaberInnen ist Nina Blazons neue Schauergeschichten-Anthologie. Nach ihren historischen und phantastischen Romanen wagt sich die deutsche Jugendbuchautorin nun an das Genre des Unheimlichen. In sieben schaurigen Horrorkurzgeschichten entführt sie ihre LeserInnen in sieben ganz unterschiedliche, aber allesamt beklemmende Settings und Figurenensembles und spürt dabei den Gruseltraditionen verschiedenster Länder nach. Ein irisches Mädcheninternat, in dem die angesagte Clique der Schule in ungewöhnliche Todesfälle verwickelt wird. Ein US-amerikanisches Wohnzimmer, in dem Weihnachtsbäume ein eigentümliches Doppelleben entwickeln. Ein japanischer Wald, der mehr als jeder andere Ort junge Menschen heimzusuchen scheint. Und ein Gemälde von einem Jungen, das eine fatale Geschichte in sich birgt. Blazons eindringliche Geistergeschichten führen den/die LeserIn zu düsteren Orten, magischen Spiegeln, elfischen Wechselbälgern, untoten Geistern und teuflischen Abbildern – klassische Gruselmotive, die die Autorin mit Anleihen aus Literaturgeschichte, wie Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Grey“, volkstümlicher Folklore und zeitgenössischen Legenden anreichert. Die genial gespenstischen, monochromen Bleistiftillustrationen von Isabel Kreitz verdichten den ohnehin schon hohen Gruselfaktor. Gänsehaut ist garantiert!

Claudia Sackl | STUBE

 

 

Ute Krause: Theo und das Geheimnis des schwarzen Raben

/ Ute Krause. - München : cbj, 2018. - 209 S. : zahlr. Ill.
ISBN 978-3-570-17579-8      fest geb. : ca. € 16,50

„Berliner Stadttaubenpastete mit Ananasstücken und Himbeeren auf einem Bett von Kohlrabi-Ranunkelragout garniert mit Minzschaum“ ist nur einer von vielen Gründen, warum Theo immer wieder mit seinem derzeit arbeitslosen 3-Sterne-Koch-Stiefvater aneinandergerät. Seine Mutter scheint sich mehr und mehr auf dessen Seite zu schlagen, was darin gipfelt, dass Theo den Sommer in einem Ferienlager verbringen soll. Trübsalblasend beugt er sich seinem Schicksal, fährt ins Camp, wird von Einsamkeit und Heimweh geplagt sowie von den anderen Jungen aus der Hütte gejagt. Wer würde sich da nicht wünschen, in ein fliegendes Schiff zu steigen und von all den Problemen davon zu segeln?
In Ute Krauses fesselnder Erzählung bekommt Theo tatsächlich von einem fliegenden Piratenschiff Besuch – das ihn nicht zum ersten Mal im Kinderzimmer besucht hatte – und findet sich inmitten einer höchst seltsamen Besatzung wieder, die aus einem sprechenden Raben, einem äußerst vergesslichen Koch und einer ehemaligen Palastkatze besteht.
Zunächst in der Luft, später auf See macht sich die kuriose Mannschaft der Halbmond auf die Reise, die in vielerlei Hinsicht an eine Odyssee erinnert. Doch neben den Tücken der offenen See, verwunschenen Inseln oder Meeresriesen sieht sich der Protagonist auch mit seinen eigenen Ängsten konfrontiert, die es zu überwinden gilt. Die humorvoll gezeichneten (Tier-)Charaktere unterstützen ihn mal recht, mal schlecht dabei, obwohl der Rabe Alchibar bald schon als enger Vertrauter bezeichnet werden kann.
Eine Piratengeschichte, die nicht nur von einem Jungen erzählt, der sich nach seinem Vater sehnt, sondern auch vom großen Zauber einer ungewöhnlichen Freundschaft. Eine phantastische Reise, eine abenteuerliche Handlung und ein spannender Plot illustrieren wunderbar, wie es gelingen kann, über sich selbst hinauszuwachsen.

Alexandra Hofer | STUBE

 

Thomas Raab: Walter muss weg

Frau Huber ermittelt ; der erste Fall ; Roman / Thomas Raab. - Köln : Kiepenheuer & Witsch, 2018. - 373 S.
ISBN 978-3-462-05095-0      fest geb. : ca. € 20,60

Alter schützt vor Neugier nicht. (DR)

Hannelore Huber hat es wirklich nicht leicht gehabt in ihrem Leben. Zwangsverheiratet mit Walter, neben dem sie jahrzehntelang ohne Zuneigung leben hat müssen in dem kleinen Dorf Glaubenthal, hört sie nun endlich, nach dreiundfünfzig langen Ehejahren, die langersehnte Nachricht: Walter ist tot. Nur noch das Begräbnis, dann kann ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Doch am Friedhof muss man feststellen: Da liegt jemand anderer im Sarg! Thomas Raab ist durch seine "Metzger"-Kriminalromane bekannt geworden, durch die Verfilmungen mit Robert Palfrader in der Titelrolle braucht man ihn auch Nicht-LeserInnen nicht mehr vorstellen. Mit "Still" versuchte er es ein wenig ernsthafter, jetzt ist er mit dem Start der neuen Reihe um Frau Huber wieder zu seinen Stärken zurückgekehrt: Neben einem (zum Teil sehr schwarzen) Humor blitzt immer wieder Menschlichkeit und ein wenig Sozialkritik durch. Vor allem die Dialoge mit der vierjährigen Amelie mit wechselnden Gesprächspartnern aus allen Lebensaltern sind wunderbar. Und so stimmt diesmal der Klappentext: Die Ereignisse um die Ermittlungen der alten Frau sind "spielerisch, humorvoll und herrlich böse!"

 

 

 

Michael Wildauer | biblio

 

Greer Hendricks: The wife between us

: wer ist sie wirklich? ; Roman / Greer Hendricks und Sarah Pekkanen. Aus dem Engl. von Alice Jakubeit. - Dt. Erstausg. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt Polaris, 2018. - 445 S.
ISBN 978-3-499-29117-3      kart. : ca. € 13,40

Drei Frauen, drei unterschiedliche Leben - es gibt nur eines, was sie verbindet: ein Mann mit einem Geheimnis. (DR)

Vanessa ist am Boden zerstört, denn Richard - ihre große Liebe - hat sich von ihr scheiden lassen. Doch wäre das schon nicht genug, wird er eine andere heiraten. Es gibt daher nur noch einen Sinn in Vanessas Leben: die Hochzeit zu verhindern.
Nellie ist überglücklich, denn ihr Traummann - der nette und charismatische Richard - hat ihr einen Antrag gemacht. Ihr Leben wäre perfekt, würden da nicht immer wieder Gegenstände aus ihrem neuen Heim verschwinden.
Emma, Richards neue Sekretärin, erhält einen geheimnisvollen Brief, in dem sie vor ihrem neuen Chef gewarnt wird.

"The Wife between us" der Autorinnen Greer Hendricks und Sarah Pekkanen ist in drei Erzählstränge gegliedert: Der erste Teil des Thrillers zeichnet sich durch viele Handlungsbrüche und Unklarheiten aus, die dazu dienen, die LeserInnen auf eine falsche Fährte zu führen. In den beiden weiteren Teilen erhalten LeserInnen dann jene Puzzleteile in die Hände, die im ersten Abschnitt fehlten. So kann man Stück für Stück das lückenhafte Bild zusammenbauen, bis man erst auf den letzten Seiten das finale Puzzleteilchen erhält. So stellt man sich immer wieder die Frage: Wer hat wem, was und warum angetan? Den Autorinnen ist mit diesem Buch ein packender Thriller gelungen, der Fans von "Girl On The Train" und "Gone Girl" begeistern wird. Kein Wunder also, dass "The Wife between us" bald in den heimischen Kinos zu sehen sein wird.

 

Edith Ratzbeger | biblio

 

Oliver Wintzek: Was Muslime und Christen Glauben

: Wissenswertes im Vergleich / Oliver Wintzek ; Lukas Wiesenhütter. - Freiburg i. Br. : Herder, 2018. - 95 S. : Ill. (farb.)
ISBN 978-3-451-38021-1      fest geb. : ca. € 10,30

Wissenswertes kompakt verglichen. (PR)

In Zeiten, in denen der Islam als Gefahr für das sogenannte "christliche Abendland" propagiert wird, kommt dieses Buch gerade recht. Es fasst in kurzen Kapiteln kompakt Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Glaubensrichtungen zusammen, ohne diese zu bewerten. Wer Grundwissen und keine theologische Abhandlung sucht, wird hier fündig. Querverweise zu Bibel und Koran laden dazu ein, auch dort weiterzulesen. Besonders positiv ist das umfangreiche Literaturverzeichnis, das zu weiterer Recherche von einzelnen Themen verführt. Das handliche Format macht es möglich, das Buch auch unterwegs zu Rate zu ziehen - vielleicht, um dem einen oder anderen Vorurteil mit Wissen entgegenzukommen.

Gerti Proßegger | biblio

 

Thomas Bernhard: Die Ursache

Die Ursache : eine Andeutung ; Graphic Novel / Thomas Bernhard ; Lukas Kummer. - Salzburg : Residenz Verlag, 2018. - 110 S. : überw. Ill.
ISBN 978-3-7017-1693-7      fest geb. : ca. € 22,00

 

Eine Kindheit im Österreich der 1940er Jahre, geprägt von Unterdrückung, Angst und Schrecken - "Die Ursache" als Graphic Novel. (DR)

Salzburg sei "von zwei Menschenkategorien bevölkert, von Geschäftemachern und ihren Opfern". Schon im ersten Satz seiner autobiographischen Erzählung fällt Thomas Bernhard dieses gnadenlose Urteil über die Barockstadt, in der er prägende Jahre seiner Kindheit verbrachte. Wie löst der Graphiker das Problem, den sattsam bekannten, touristisch vermarkteten Postkartenansichten ungewohnte Perspektiven abzugewinnen? Wie stellt er den "katholisch-nationalsozialistischen Todesboden" dar?
Flugzeuge, Bomben und die von ihnen verursachten Schäden, darunter die zerstörte Domkuppel, nehmen breiten Raum ein. Klaustrophobie wecken dagegen die Bilder vom überfüllten Luftschutzstollen, in dem die Bevölkerung vor den amerikanischen Fliegerangriffen immer öfter Zuflucht sucht. Nach dem Ende des Dritten Reichs kehrt der Katholizismus in seine alte Vormachtstellung zurück. Nicht nur auf den ohnehin zahlreichen Kirchen, sondern auf allen Türmen und Giebeln der Stadt drängen sich nun die Kreuze wie auf einem Friedhof: Eine durchaus passende Assoziation kurz nach dem Krieg. Aus dem NS-Schülerheim wird wieder das katholische Johanneum, doch am repressiven Alltag ändert sich für die Zöglinge nur wenig, auch wenn das Hitlerbild durch ein Kreuz ersetzt worden ist.
Kummer arbeitet gern mit variierten Wiederholungen. Da reihen sich Panels aneinander, die sich kaum unterscheiden, ähnlich wie die monotonen Tagesabläufe in Schule und Internat. Es wimmelt von uniformierten, gesichtslosen, ihrer Individualität beraubten Figürchen, die sich in riesigen, kahlen Innenräumen zu Ornamenten gruppieren. Der Schlafsaal enthält Stockbetten für mindestens zweihundert Insassen - im Buch sind es 34. Bezeichnenderweise haben die Kinder im Schlaf aber mehr Eigenleben als im Wachzustand, denn in jedem Bett sind Decke und Polster anders zerknüllt. Der "Übertreibungskünstler" Bernhard findet hier einen kongenialen Bruder im Geiste, der die bedrückende Atmosphäre der letzten Kriegsjahre und der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht bloß illustriert, sondern in einer eigenständigen Bilderwelt umsetzt.

Renate Langer | biblio

 

Kallie George: Das kleine Waldhotel

: ein Zuhause für Mona Maus / Kallie George. Ill. von Stephanie Graegin.  Aus dem Engl. von Karolin Viseneber. - München : Schneiderbuch Egmont, 2018. - 178 S. : Ill.
ISBN 978-3-505-14149-2      fest geb. : ca. € 12,40

 

Reizendes Tierabenteuer in ansprechender, nostalgischer Aufmachung. (ab 8) (JE)

Mona ist eine liebenswerte, wissbegierige und einfach herzensgute kleine Maus, die in ihrem ersten Buchabenteuer viel Neues und Spannendes erlebt. Durch einen schlimmen Sturm wird ihr provisorisches Heim überflutet und Mona muss vor dem Unwetter flüchten. Die kleine Maus ist es zwar seit dem frühen Tod ihrer Eltern gewohnt, ganz auf sich allein gestellt zu sein, doch mitten in dem schlimmen Sturm verirrt sie sich komplett im Wald. Völlig durchfroren und zitternd vor Angst steht sie plötzlich vor einem imposanten Baum mit Tür. Mutig tritt sie ein und findet sich tatsächlich in dem sagenumwobenen Waldhotel wieder. Durch viel Glück wird sie von Herrn von Walde, einem Dachs, der auch der Besitzer und Direktor des Waldhotels ist, kurzfristig und auf Probe als Zimmermädchen eingestellt. Rasch lernt sie die alltäglichen Abläufe, die Pflichten und Arbeiten, aber auch die kleinen Geheimnisse ihrer neuen Unterkunft kennen. Ein fleißiges Team aus Igeln, einer Eidechse, einem Stachelschwein u.v.m. stehen dem Dachs engagiert zur Seite. Kein Tier in Not soll abgewiesen werden - so lautet das ambitionierte Motto des Waldhotels. Doch leider wird die vermeintliche Tieridylle immer wieder massiv bedroht. Einmal ist es ein hungriger Bär und dann eine gierige Meute böser Wölfe, die es auf die Bewohner des außergewöhnlichen Baumes abgesehen haben. Neben diesen Abenteuern kämpft Mona aber auch mit dem anderen Zimmermädchen, dem hochnäsigen und schnippischen Eichhörnchen Tilda, welches die selbstlose kleine Maus mit Argwohn und Eifersucht überwacht. Die vielseitigen Kapitel dieses fast nostalgisch anmutenden, entzückenden Kinderbuches werden durch einfarbige, feingezeichnete Illustrationen aufgelockert. Der erste Band dieses Tierabenteuers aus der Feder der kanadischen Autorin Kallie George ist eine uneingeschränkt empfehlenswerte Bereicherung für jede Bücherei und ein herzerwärmender Lektüregenuss für junge LeserInnen ab 8 Jahren.

Barbara Tumfart | biblio

 

Christopher Wilson: Guten Morgen, Genosse Elefant

: Roman / Christopher Wilson. Aus dem Engl. von Bernhard Robben. - Köln : Kiepenheuer & Witsch, 2018. - 265 S.
ISBN 978-3-462-05076-9      fest geb. : ca. € 19,60

 

Die Machenschaften der kommunistischen Parteizentrale aus der Sicht eines Kindes. (DR)

Der zwölfjährige Juri wächst im Kommunismus auf. Durch mehrere unglückliche Unfälle hat der Junge eine Beeinträchtigung, die ihn keinen körperlichen Schmerz fühlen lässt. Auch sein Gehirn funktioniert ein wenig anders, schafft unglaubliche Verknüpfungen. Auf Fremde wirkt der Junge nicht sehr schlau, aber unglaublich liebenswürdig und vertrauensvoll. Er hat ein Gesicht, das die Menschen um ihn herum beruhigt. Diese Eigenschaft kommt ihm zugute, als er mit seinem Vater auf die Datscha Stalins entführt wird. Prompt wird der Junge zum persönlichen Vorkoster ernannt. Was er dabei für Informationen aufschnappt, wird ihm allerdings bald zum Verhängnis. Was absurd und komisch beginnt, wird bald bitterer Ernst. Der humorvolle kindliche Blick geht dem Protagonisten Juri zwar nie ganz verloren, aber auch er begreift nach und nach, mit wem er es zu tun hat. Die einzige Erziehung, die er nun erhält, ist eine gewaltvolle. Die eigene Unschuld kann ihn davor nicht schützen. Die ansteckende Fröhlichkeit am Beginn des Romans endet abrupt. Der weiche Erzählton kann nicht über die Grausamkeiten hinwegtäuschen, die wiederholt vorkommen und angesprochen werden. Menschen verschwinden. Die Machthaber handeln willkürlich und brutal. Ein unangenehm direkter Roman, der inmitten aller Gräueltaten nie auf die Handlung vergisst. Woher Juri seine unerschöpfliche Hoffnung nimmt, dass noch mal alles gut werde, bleibt ein Rätsel.

Katharina Ferner | biblio

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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